Herzliche Umarmungen, Schulterklopfen und ausgelassenes Gelächter vor dem Restaurant Riedbach in Zürich Oerlikon – Indizien dafür, dass heute gefeiert wird. Tatsächlich können sich gleich sieben Lernende aus verschiedenen Betrieben der AOZ über ihren Lehrabschluss freuen. Fünf von ihnen haben eine begleitete Ausbildung als Küchenangestellter EBA, Restaurantangestellter EBA oder Restaurantfachmann EFZ im Restaurant Riedbach absolviert, eine Absolventin hat ihre Lehre zur Köchin im Restaurant Paprika gemacht und zum ersten Mal in der AOZ-Geschichte durfte ein Velomechaniker EFZ, der seine Ausbildung bei Züri rollt gemacht hat, sein Lehrdiplom entgegennehmen.

Lernen, auf die Zähne zu beissen
Es sei ein langer Weg bis zum heutigen Tag gewesen, sagt Stephan Nielsen, Leiter Fachbereich Arbeit bei der AOZ in seiner Ansprache. Aber heute stünden hier sieben Menschen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben und nun bereit seien, ihr eigenes Geld zu verdienen und sich von der Sozialhilfe abzulösen. «Die letzten Jahre haben Ausdauer gebraucht und die Auszubildenden haben gelernt, was es heisst, auf die Zähne zu beissen. Nun haben sie aber eine gute Grundlage für das bevorstehende Leben», so Stephan Nielsen. Jetzt sei Beständigkeit wichtig. Er traue das allen Absolvent*innen zu.
Bestanden – und erst noch mit Auszeichnung
Einer, dem heute zum Feiern zumute ist, ist Ahmad Faisal Naseri. Er durfte sein Attest zum Restaurantangestellten EBA entgegennehmen – und das erst noch als Drittbester des Kantons. Er fühle sich sehr gut, sagt der junge Afghane. Zudem sei er sehr, sehr glücklich, dass er bestanden habe. «Zu Beginn der Ausbildung habe ich mit meinem Kollegen hier im Betrieb immer wieder aus Verzweiflung gewitzelt, dass wir das niemals schaffen werden. Gerade vorhin habe ich ihm auf die Schulter geklopft und gesagt ‘Wir haben es geschafft, Brudi!’.» Zu Beginn sei er enorm schüchtern gewesen, erzählt Ahmad. Vor allem Deutsch war das Problem. «Besonders im ersten Semester. Es war wirklich sehr schwierig, ich habe nichts verstanden. Ich habe alles versucht, aber es ging einfach nicht.» Das Deutsch in der Berufsschule sei ein ganz anderes als jenes im Deutschkurs gewesen. Auch die Kommunikation mit den Kolleg*innen in der Berufsschule habe kaum funktioniert. Mit der Unterstützung , die er im Restaurant Riedbach bekam, sei es dann aber ab dem zweiten Semester bergauf gegangen.

Von der anfänglichen Schüchternheit ist heute nicht mehr viel übrig. Ahmad scherzt auf Deutsch, unterhält eine ganze Gruppe. Er erinnert sich an seine Anfangszeiten zurück: «Ich kannte den Unterschied von Bier und Wein nicht und schrieb bei einer Prüfung, dass Bier aus Trauben hergestellt wird.» Rückblickend auf die letzten zwei Jahre sagt Ahmad: «Ich habe sehr, sehr viele neue Sachen gelernt, habe viele neue Erfahrungen gemacht und bin unglaublich zufrieden, dass ich diese Ausbildung gemacht habe.» Die Abschlussprüfungen waren dann nochmals eine Herausforderung: Der Druck sei hoch gewesen und er habe es unbedingt gut machen wollen. Gesagt, getan. Wie es nun für Ahmad weitergeht? «Ich suche im Moment eine Stelle im Service. Am liebsten möchte ich in einem klassischen À-la-carte-Restaurant arbeiten.»
Geduld, Ausdauer, Arschbacken zusammenkneifen
Die Erleichterung ist auf Christine Fitzingers Gesicht geschrieben. Sie ist Leiterin und Berufsbildungsverantwortliche im Restaurant Riedbach – und sieht die heutige Abschlussfeier auch als persönlichen Lohn. Ein Lohn für die Nerven, die Arbeit und die Mühe, welche sie alle in jeden und jede einzelne*n Teilnehmer*in gesteckt hätten. Der etwas steinige Weg von Ahmad Faisal Naseri sei ein Paradebeispiel: «Herr Nazeri wollte seine Ausbildung abbrechen, da sein Deutsch nicht gut genug war und er unglaubliche Mühe in der Schule hatte. Er hat gelernt und gelernt, konnte aber zu Beginn keine Erfolge feiern. Aber er hat es dennoch geschafft.» Ausdauer sei das Stichwort. Dranbleiben, weitermachen – und auch mal «die Arschbacken zusammenkneifen». Von ihr als Bildungsverantwortliche sei Geduld und eine enge Begleitung gefragt – und eine sehr individuelle Führung. «Für viele sind wir im Betrieb der komplette Familienersatz und über Jahre mit sämtlichen Problemen der Lernenden konfrontiert: Liebeskummer, Ausgang, Drogen, fehlende Sozialkompetenz – wirklich alles», erklärt die Restaurantleiterin.

Mit einer begleiteten Ausbildung zum Erfolg
Die Berufsschulklassen in der Gastronomiebranche schrumpfen laut Christine Fitzinger innerhalb des ersten halben Jahres bis um die Hälfte. Das liege aber nicht daran, dass die Lernenden im falschen Beruf seien, sondern vielmehr daran, dass sie keine Ausdauer hätten. Bei einer begleiteten Ausbildung werden sie viel enger begleitet und betreut: «Gerade Jugendliche mit Fluchthintergrund haben niemanden zuhause, der oder die ihnen hilft. Dieses Kontrollorgan entfällt komplett. Da springen wir ein, denn Jugendliche funktionieren nicht automatisch. Bereits bei zwei oder drei verpassten Schultagen oder Prüfungen sind sie weg vom Fenster. Dank unserer Begleitung bleiben sie dran, auch in negativen und frustrierenden Situationen.» Weiter müsse den Jugendlichen klar gemacht werden, dass eine Ausbildung eine Investition in die Zukunft ist und das schnelle Geld ohne Ausbildung auf lange Frist nicht attraktiv sei.

Platz für weitere Erfolgsgeschichten
Das Restaurant Riedbach bietet begleitete Ausbildungen für Personen mit schulischen Lücken und/oder sozialen Herausforderungen an. Erworben werden kann ein eidgenössisches Berufsattest EBA oder ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis EFZ in den Bereichen Küche oder Service. Für den Sommer 2026 gibt es noch freie Ausbildungsplätze.
Interessierte zuweisende Stellen können sich an Christine Fitzinger, Berufsbildungsverantwortliche Restaurant Riedbach, wenden: christine.fitzinger@aoz.ch.
Der erste Velomechaniker EFZ-Abschluss bei der AOZ
Rame Taha fällt auf zwischen seinen männlichen Mitabsolventen. Er ist wesentlich älter als alle anderen Lehrabgänger. Das sei auch eine der grössten Hürden während seiner Ausbildung zum Velomechaniker gewesen: «Ich war gemeinsam mit 16-Jährigen in der Schule – die waren alle gleich alt wie meine Tochter!», so Rame Taha, der aus Syrien in die Schweiz gekommen ist. Vor seiner Flucht arbeitete er im Museum von Palmyra, dennoch waren einige Fächer in der Berufsschule eine grosse Herausforderung. Daher sah er sich auch lange nicht im Beruf des Velomechanikers. Aber: «Das Team bei Züri rollt ist unfassbar toll. Das hat mich motiviert, die Ausbildung zu machen. Dass ich es nun trotz Hürden geschafft habe, ist erleichternd.»

«Das Paprika werde ich nie vergessen. Sie sind meine Familie, sie sind mein Haus.»
«Seit dem ersten Tag war Afsaneh eine sehr zuverlässige Persönlichkeit», beginnt Vedrana Kieffer, die Leiterin des Restaurants Paprika ihre Ansprache. Afsaneh wollte bereits kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz eine Ausbildung machen – und hatte die Unterstützung ihres Sozialberaters. «Mich hat vor allem Afsanehs Persönlichkeit überzeugt, ihre Art, mit den Menschen umzugehen und, wie sie Verantwortung übernimmt», so ihre Ausbildnerin. Afsaneh habe keinen Tag im Betrieb gefehlt und immer gute Noten geschrieben. Und dies trotz Doppelbelastung als alleinerziehende Mutter mit Kindern zuhause.

Diese Belastung habe sich bei ihr bemerkbar gemacht: «Eine schwere Sache ist nun von meinen Schultern weg», beschreibt Afsaneh die Situation nach den bestandenen Prüfungen. «Ich konnte nicht mehr schlafen und hatte keine freie Minute mehr. Jetzt ist mir fast schon langweilig.»
Als erstes habe sie ihre Wohnung mal wieder richtig geputzt, die habe nämlich sehr gelitten in den letzten Monaten. Auch treffe sie sich nun wieder öfters mit Freundinnen und habe wieder Zeit für Yoga. Und doch: Ganz stressbefreit fühlt sich die Iranerin noch nicht: «Da ich jetzt ein EFZ-Zeugnis habe, trage ich auch eine grosse Verantwortung.» Eine kurzfristige Anschlusslösung hat die Köchin bereits: Den Sommer durch wird sie beim Zürcher Food Pop-Up «FoodLab Zürich» arbeiten, für die Zeit danach sucht sie nach einer Festanstellung. «Irgendwann möchte ich mich noch zur Diätköchin weiterbilden», erzählt die ambitionierte Absolventin weiter. Trotz anstrengenden Jahren geht für Afsaneh aber auch eine schöne Zeit zu Ende: «Ich werde das Paprika nie vergessen. Sie sind meine Familie, sie sind mein Haus. Nach einer Woche Ferien vermisse ich sie bereits alle. Jede Person im Paprika hat etwas für mich gemacht.» Abschliessend sagt sie: «Die Voraussetzungen waren nicht optimal, aber ich habe es geschafft. Das zeigt mir: Wer wirklich will, kann es schaffen.»
