«Vor mir lag ein neues Leben. Aber ich hatte nichts, um es anzupacken.»

Drei Menschen erzählen von ihrem Weg in die berufliche Selbstständigkeit. Zwischen Motivation, Müdigkeit und einem Michelin-Stern zeigt sich, was Arbeitsintegration leisten kann – und was sie den Beteiligten abverlangt.

von Rebekka Salm (Text) und Annick Ramp (Fotografie) 

Der Nebel hängt träge in den Strassen von Zürich Wiedikon. Auch die Menschen, die an diesem Montagmorgen unterwegs sind, scheinen es nicht eilig zu haben. In der Grossküche des Restaurants Paprika hingegen herrscht Hochbetrieb. Köchinnen in weissen Schürzen und Hauben eilen zwischen Kochherden und Arbeitsflächen hin und her. In einem riesigen Topf köchelt bereits eine Bouillon fürs Mittagessen, es riecht nach gekochtem Gemüse und frischen Kräutern.

Afsaneh fühlte sich wie neugeboren

«Michelle», ruft jemand über das Klappern von Topfdeckeln hinweg. Eine Frau löst sich aus der Gruppe Köchinnen und stellt sich als Afsaneh vor. Ob sie nicht gerade mit Michelle gerufen worden sei? Sie lacht, bejaht – erklärt den Umstand aber nicht weiter. Wir setzen uns in den noch leeren Gastraum und trinken Tee. Afsaneh erzählt, wie sie 2020 gemeinsam mit ihren damals zwölf- und sechzehnjährigen Kindern im Rahmen des Familiennachzugs aus dem Iran in die Schweiz kam. Ihr Mann lebte zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Jahren hier. «Es war mein vierzigster Geburtstag, als wir in Zürich landeten. Vielleicht fühlte ich mich auch deshalb wie neugeboren – im positiven wie im negativen Sinne», sagt sie. «Vor mir lag ein neues Leben. Aber ich hatte nichts, um es anzupacken: keine Sprache, kein Beziehungsnetz, kein Wissen darüber, wie hier alles funktioniert.»

In nur eineinhalb Jahren erwarb sie das Deutschzertifikat B1 – unter schwierigen Umständen. Ihre Ehe hatte die langjährige räumliche Trennung nicht überstanden. Bekannte rieten Afsaneh, bei ihrem Mann zu bleiben. Ansonsten müsse sie zurück in den Iran, vielleicht sogar ohne Kinder. «Ich war damals viel allein im Wald unterwegs», erinnert sie sich. «Dort konnte ich nachdenken, weinen und mich wieder aufrappeln, damit die Kinder zu Hause nichts merkten.» Nach langem Zögern reichte Afsaneh schliesslich die Scheidung ein – und durfte in der Schweiz bleiben. Umgehend machte sie sich daran, ein eigenständiges Leben aufzubauen. Eines ihrer dringlichsten Ziele: eine Arbeitsstelle.

Afsaneh in der Küche des Restaurants Paprika
Afsaneh wollte das Handwerk von Grund auf lernen. Deswegen hat sie sich für eine Lehre entschieden.

Im Iran hatte sie bereits Berufserfahrung gesammelt, als Detailhändlerin, Sekretärin und Kosmetikerin. Sogar einen Konditoreikurs hatte sie absolviert und dabei grosse Freude an der Arbeit mit Patisserie gefunden. Als Konditorin gearbeitet hatte sie jedoch nie: In ihrer Heimat waren diese Stellen fest in Männerhand. An welches Berufsfeld sollte Afsaneh nun also anknüpfen? «Desserts machen und kochen – das war es, was ich wollte», sagt die heute 45-Jährige. Im Januar 2023 begann sie deshalb einen sechsmonatigen Einsatz im Restaurant Paprika, an dessen Ende in den meisten Fällen der Übertritt in den Schweizer Arbeitsmarkt steht.

Afsaneh macht Desserts
«Desserts machen und kochen – das war es, was ich wollte..»
Afsaneh bei der Bèroarbeit
Das Fachvokabular war für Afsaneh wie eine zweite Fremdsprache

«Es war eine Katastrophe», sagt sie. «Meine Mitschüler*innen waren fünfundzwanzig Jahre jünger als ich. Es war sehr wild und chaotisch. Erschwerend hinzu kam, dass ich nicht wusste, wie man lernt oder sich auf Prüfungen vorbereitet. Und mit dem Computer kannte ich mich überhaupt nicht aus.» Am schwierigsten sei jedoch die Sprache gewesen. Die Lehrpersonen redeten zwar Hochdeutsch, aber mit Dialekt­einschlag. Dazu kamen neue Begriffe wie Schnittarten, Käsesorten und zahlreiche Fische. «Das Fachvokabular war neben Deutsch gleich noch eine zweite Fremdsprache.» Afsaneh übersetzte sämtliche Schulbücher ins Persische, um die Inhalte zu verstehen, und lernte den Stoff danach auf Deutsch für die Prüfungen. Ein enormer Mehraufwand für die alleinstehende Mutter.

Nicht eine, sondern zwei Fremdsprachen

Doch Afsaneh hatte ehrgeizigere Pläne. Sie wollte das Handwerk von Grund auf lernen und träumte von einer Lehrstelle. «Mein Sohn meinte, dafür sei ich zu alt, aber ich blieb stur», sagt sie und lacht. Eine Lehre also, aber wo? Bis dahin war das Restaurant Paprika ein Arbeitsintegrationsprogramm für Frauen, das Grundlagen der Gastronomie vermittelte. Erfahrungen mit Lernenden gab es keine. Für Afsaneh jedoch machte der Gastrobetrieb eine Ausnahme, und im August 2023 begann sie eine dreijährige Lehre zur Köchin. An die ersten Tage in der Berufsschule erinnert sie sich gut.

Afsaneh im Gespräch mit ihrem Vorgesetzten Marko Stevanovic
Afsaneh im Gespräch mit ihrem Vorgesetzten Marko Stevanovic

«Es war eine Katastrophe», sagt sie. «Meine Mitschüler*innen waren fünfundzwanzig Jahre jünger als ich. Es war sehr wild und chaotisch. Erschwerend hinzu kam, dass ich nicht wusste, wie man lernt oder sich auf Prüfungen vorbereitet. Und mit dem Computer kannte ich mich überhaupt nicht aus.» Am schwierigsten sei jedoch die Sprache gewesen. Die Lehrpersonen redeten zwar Hochdeutsch, aber mit Dialekt­einschlag. Dazu kamen neue Begriffe wie Schnittarten, Käsesorten und zahlreiche Fische. «Das Fachvokabular war neben Deutsch gleich noch eine zweite Fremdsprache.» Afsaneh übersetzte sämtliche Schulbücher ins Persische, um die Inhalte zu verstehen, und lernte den Stoff danach auf Deutsch für die Prüfungen. Ein enormer Mehraufwand für die alleinstehende Mutter.

Oleg war zu müde für Grammatik

Es ist kurz vor Weihnachten. Das Thermometer zeigt Temperaturen um die null Grad, und ein schneidender Wind bläst durch die Strassen von Zürich Altstetten. Den meisten Leuten ist es zu kalt, um sich aufs Velo zu schwingen. Nicht so Oleg. Wir treffen den 35-jährigen Ukrainer vor einem Café, als er gerade dabei ist, sein Velo abzuschliessen. Es wirkt deutlich robuster als ein normales Zweirad. «Das ist mein E-Bike», erzählt er stolz. «Ich habe es selbst zusammengebaut.»

 

Oleg in der Velowerkstatt
Ein Flyer von Züri rollt brachte Oleg auf die Idee, Velomechaniker zu werden

Oleg ist gelernter Metallschweisser und Automechaniker und lebt seit drei Jahren in der Schweiz. Rasch wurde klar, dass er hier nicht an seine bisherige Berufserfahrung anknüpfen konnte: Sein Rücken machte ihm zu schaffen, und der Andrang auf Stellen in der Automechanik war gross – zu gross. 

Ein neues Berufsziel musste her. Was das sein könnte, war zu Beginn weder ihm noch seiner Sozialberaterin klar. Oleg repariert gern und interessiert sich für Fahrzeuge aller Art – so kam er auf die Idee, Velomechaniker zu werden. Den entscheidenden Impuls lieferte ein Flyer des Arbeitsintegrationsangebots «Züri rollt», der in seinem Deutschkurs auflag. Im Mai 2023 startete sein Einsatz in der Velowerkstatt in Zürich Oerlikon. Hier lernte er die Grundlagen der Velomechanik – nicht theoretisch, sondern bei anspruchsvollen Reparaturen und Kundenaufträgen. In seiner Freizeit vertiefte er sein Wissen über E-Bike-Antriebe und Motoren, indem er sich stundenlang Videos im Internet ansah. Als er im Müll einen E-Scooter fand, machte er ihn wieder fahrtüchtig. Bald war er so versiert, dass er bei Züri rollt komplexe Reparaturen an E-Bikes übernehmen konnte.

Weniger gut lief es im Deutschkurs, der abends nach der Arbeit stattfand. Das lag weder an Olegs Willen noch an der Qualität des Kurses. Das Problem lag vielmehr in der Menge an neuen Informationen, die auf ihn einprasselten. «Tagsüber arbeitete ich acht Stunden oder mehr und lernte viel Fachliches in der Werkstatt. Für das Grammatikpauken am Abend blieb kaum Energie. Ich war hundemüde.» Erschwerend hinzu kam die Unsicherheit seines Aufenthaltsstatus. Mit Schutzstatus S ist sein Leben in der Schweiz vorläufig. Investitionen in eine berufliche Zukunft – für ihn selbst ebenso wie für potenzielle Arbeitgeber – sind damit mit einem Frage­zeichen versehen.

Werkzeug in der Velowerkstatt
Oleg repariert ein Velo

Tirhas braucht eine Pause

Auch Tirhas, die 2016 aus Eritrea in die Schweiz floh, kennt sich mit Müdigkeit aus. Wir treffen die 30-jährige Mutter in einer Bibliothek in Zürich Oerlikon. Ihre zwei Kinder sind in der Schule, deshalb hat sie etwas Zeit für uns. Zwischen decken­hohen Bücherregalen erzählt sie leise von ihrem beruflichen Integrationsweg. Neben Haushalt und Betreuung absolvierte sie – nach dem vollschulischen Bildungsangebot (Integration Intensiv) und dem Berufsvorbereitungsjahr (Trampolin Basic) der AOZ – eine zweijährige Lehre als Assistentin Gesundheit und Soziales. Die Lehre entsprach einem Vollzeitpensum. Tirhas musste mit Schichtplänen, Wochenenddiensten und familiären Verpflichtungen jonglieren. 

Tirhas sitzt auf dem Sofa
Tirhas hat ihre Lehre als Assistentin Gesundheit und Soziales 2025 erfolgreich abgeschlossen

Vor allem das zweite Lehrjahr sei hart gewesen: Prüfungen, Vertiefungsarbeit, kein Stützunterricht mehr. Zu Hause warteten Haushalt und Kinder – manchmal krank. «Wenn ich lernen konnte, hatte ich gute Noten. Wenn ich nicht lernen konnte, weil ich vorkochen, Wäsche waschen oder die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen musste, waren die Noten nicht so gut.»

Ähnlich wie Tirhas sind viele geflüchtete Frauen mehrheitlich für Kinderbetreuung und Haushalt zuständig. Quasi der Job neben dem Job. Das bindet Zeit und Energie, die für Ausbildung, Sprachkurse oder Erwerbsarbeit fehlen. Schweizer Studien zeigen zudem, dass Integrationsangebote nicht immer ausreichend auf die Bedürfnisse von Frauen mit Betreuungspflichten zugeschnitten sind. In dieser Phase sei die Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie erschwert; Mütter würden in der Förderpraxis zudem häufiger nachrangig behandelt.

Tirhas in der Küche
Schulrucksack

Neben der Mehrfachbelastung durch Arbeit, Kinder und Haushalt war für Tirhas rückblickend vor allem eines schwierig: Im Asylverfahren wurde sie einer Zürcher Gemeinde zugewiesen. Ihr Sohn war damals zehn Monate alt. Die Gemeinde finanzierte jedoch keine Kinderkrippen für Eltern ohne Erwerbstätigkeit. Deutsch- oder Integrationskurse durfte sie wegen noch fehlender Bewilligung nicht besuchen. Drei Jahre lang blieb ihr nichts anderes übrig, als kostenlose Angebote zu nutzen. «Das war eine schwierige Zeit. Ich wollte mich integrieren, wollte die Sprache lernen – und durfte nicht.» Für Tirhas änderte sich die Situation mit dem Erhalt der F-Bewilligung und dem Umzug nach Zürich Wollishofen zum Besseren.

Material zum Kaffee kochen
Flechtfrisur

Förderung ist auch Zufall

Ein Aufenthaltsstatus ist jedoch kein Garant dafür, dass in Sachen Integration durchgestartet werden kann. Zwar schüttet der Bund für die Integration Geflüchteter Pauschalen aus, doch wie diese eingesetzt werden, liegt in der Verantwortung der Kommunen. Umfang und Inhalte der Leistungen unterscheiden sich je nach Gemeinde stark. So ist beispielsweise an einem Ort eine Sprachförderung über das Niveau B1 möglich, in der Nachbargemeinde jedoch nicht. Da Geflüchtete bei einer Sozialhilfeabhängigkeit ihre Wohngemeinde nicht selbst wählen können, bedeutet dies ungleiche Startbedingungen – trotz nationaler Integrationsagenda. 

Tirhas hat sich von den Stolpersteinen auf ihrem Integrationsweg nicht zu Fall bringen lassen. 2025 schloss sie ihre Lehre erfolgreich ab. In der praktischen Prüfung erzielte sie sogar die Note 5,5. Eine weiterführende Ausbildung mit dem Ziel Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis EFZ gleich im Anschluss stand zur Diskussion – sie entschied sich dagegen. «Meine Kinder brauchen mich jetzt. Sie sind erst acht und elf Jahre alt. Und ich muss neue Kraft sammeln. Die nächsten zwei Jahre mache ich eine Ausbildungspause und suche mir eine Teilzeitstelle in einem Alters- und Pflegeheim.»

Tirhas serviert Kaffee
«Meine Kinder brauchen mich jetzt», sagt Tirhas. «Und ich muss neue Kraft sammeln.»

Die Statistik sagt: Die Integrationsagenda funktioniert

Um Menschen, die in die Schweiz geflohen sind, rascher in Arbeitsmarkt und Gesellschaft zu integrieren, einigten sich Bund und Kantone auf die Integrations­agenda Schweiz. Sie definiert verbindliche Ziele – etwa, dass sieben Jahre nach Einreise die Hälfte aller erwachsenen Personen mit Status F und B im ersten Arbeitsmarkt tätig ist. Dass dies mit den vorhandenen Massnahmen und Angeboten tatsächlich funktioniert, zeigen Monitoringberichte aus diversen Kantonen. Im Kanton Zürich etwa lag die Erwerbsquote 2024 bei rund 61 Prozent. Hinter dem Erfolg steckt viel Arbeit – von Geflüchteten ebenso wie von Fachpersonen im Integrationsbereich.

Papierarbeit

Die AOZ begleitet diesen Prozess oft über mehrere Jahre hinweg, von der ersten Standortbestimmung über die berufliche Qualifizierung bis zur Ablösung von der 
Sozialhilfe. «Eigentlich ist es ganz einfach», sagt Simon Pulver, Jobcoach bei der AOZ. «Wir bringen unsere fachliche Expertise und unser Engagement ein, damit geflüchtete Menschen im Arbeitsmarkt ankommen und sich von der Sozialhilfe lösen können.» Dieser Auftrag entspreche nicht nur politischen Vorgaben, sondern auch dem Wunsch der Klient*innen selbst: weiterzukommen, unabhängig zu werden, teilzuhaben. Was tatsächlich möglich sei, unterscheide sich aber von Person zu Person.

Oft entscheidet nicht allein das passende Angebot über den Erfolg, sondern die Fähigkeit des Systems, die Lebensrealitäten der Menschen mitzudenken: familiäre Belastungen, gesundheitliche Einschränkungen, rechtliche Unsicherheiten, sprachliche Überforderung oder schlicht die Angst zu scheitern. Wer Kinder hat, müsse diese beim angestrebten Berufsweg mitdenken. Manche Berufswünsche seien unter diesen Bedingungen nicht realistisch. Erwartungen müssten immer wieder angepasst werden. Hinzu kommt, dass Erwerbstätigkeit nicht zwingend wirtschaftliche Unabhängigkeit bedeutet: Viele Geflüchtete arbeiten Teilzeit oder in Branchen mit tiefen Löhnen. Pulver weiss: «Erfolg hat viele Gesichter.»

Es gibt viel – nur nicht gratis

Seit April 2025 arbeitet Oleg als Velomechaniker bei Happy Sport in Zürich Albisrieden. Zeitgleich konnte er sich von der Sozialhilfe ablösen. Er mietet ein Zimmer in einem Privathaus in Dietikon, hat nette Nachbarn, denen er bei Bedarf die Fahrräder repariert. Im Volksmund würde man sagen: Er hat es geschafft. Aber wie? Unterdessen sitzen wir im warmen Café, an den Fensterscheiben kleben Weihnachtsmotive – Sterne, ein Schneemann, Rentiere. «Wichtig ist, dass man motiviert ist», sagt Oleg. «Ohne Motivation findet man keine Arbeit und kann auch nichts lernen. Einfach dasitzen und Sozialhilfe beziehen – das war nichts für mich.» Ebenso wichtig sei es, sich realistische Ziele zu setzen und flexibel zu bleiben. «Wenn ein Weg nicht machbar war, habe ich mir ein neues Ziel gesucht. Und manchmal dauert der Weg einfach länger als geplant.»

Oleg auf dem Velo
Für den gelernten Automechaniker Oleg dreht sich heute alles ums Velo

Oleg weiss, wovon er spricht. Bereits nach drei Monaten im Arbeitsintegrationsprogramm Züri rollt war für alle Beteiligten klar, dass er bereit ist für den Schweizer Arbeitsmarkt. Ein guter Lohn und die Unabhängigkeit von der Sozialhilfe waren zum Greifen nahe. Dennoch entschied er sich dagegen – vorerst. Bevor er sich auf Stellensuche machte, wollte er das Zertifikat zum Velomechaniker-Assistenten bei Veloplus erwerben. Die Sozialberatung unterstützte diesen Schritt. 

Oleg in der Velowerkstatt
«Ich wünsche mir Ruhe und ein stabiles Leben.»
Oleg in der Velowerkstatt

So verlängerte sich sein Einsatz bei Züri rollt auf insgesamt ein Jahr – eine Entscheidung, die sich auszahlte, da ist sich Oleg sicher: «Das Zertifikat hilft mir auf dem Arbeitsmarkt. Es ist vielleicht klein, aber besser als nichts. Auf solche Meilensteine muss man hinarbeiten.» Auch bei Happy Sport bildet er sich stetig weiter. Ein Zertifikat für das System des E-Bike-Herstellers TQ hat er bereits erhalten, jenes von Bosch folgt demnächst. Noch zwei, drei weitere Zertifikate, dann winkt ihm eine Lohnerhöhung.

Nun bleibt für Oleg vor allem ein Wunsch offen: den Schutzstatus S gegen eine B-Bewilligung tauschen zu können. «Aktuell weiss ich nicht, ob ich bleiben darf. Und was, wenn ich zurückgehen muss? Wohin soll ich dann gehen?» Er würde beruflich wieder bei null beginnen. Ob er diese Kraft noch einmal aufbringen könne, wisse er nicht. «Ich wünsche mir Ruhe und ein stabiles Leben.»

Sprache ist der Schlüssel

Die Bibliothek in Zürich Oerlikon füllt sich langsam. Alte und junge Menschen ziehen Bücher aus den Regalen, arbeiten an Laptops, sind in ihre Lektüre vertieft. Tirhas kennt das alles. Im ersten Lehrjahr hat sie sich hier regelmässig mit einer Mentorin vom Roten Kreuz getroffen, die ihr half, den Schulstoff zu verstehen. «Viele Menschen, die neu in die Schweiz kommen, wollen schnell arbeiten und Geld verdienen», sagt sie. «Das ist verständlich, würde ich aber nicht empfehlen.» 

Tihas am Computer
«Am besten fängt man gleich an – auch wenn man nicht weiss, ob man bleiben darf. Sprache hilft immer.»

Sprache sei aus ihrer Sicht der Schlüssel, um überhaupt vorwärtszukommen. Diese Einschätzung deckt sich mit wissenschaftlichen Befunden: Sprachkompetenz gehört zu den wichtigsten Faktoren, um Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Gute Deutschkenntnisse erleichtern nicht nur die Kommunikation mit potenziellen Arbeitgebern, sondern eröffnen auch den Weg zu weiterer Bildung und Qualifikation. «Man sollte unbedingt Deutsch lernen – wenn es nicht anders geht, auch mit Gratis­kursen», sagt Tirhas und prüft die Uhrzeit auf ihrem Handy. Bald kommen ihre Kinder aus der Schule, dann muss das Mittagessen auf dem Tisch stehen. «Am besten fängt man gleich an – auch wenn man nicht weiss, ob man bleiben darf. Sprache hilft immer.»

Tirhas und ihre Kinder

Michelle kommt von Michelin 

Afsaneh schliesst im Sommer 2026 ihre Ausbildung ab. Sie ist nervös. Ihr Vorgesetzter, Marko Stevanovic, macht sich hingegen keine Sorgen. «Sie ist eine Ausnahmeschülerin. So jemand bekommt man vielleicht alle hundert Jahre einmal», sagt der erfahrene Koch. Im Restaurant Paprika nimmt sich das Team viel Zeit für die Entwicklung der Teilnehmerinnen. Wer in der Küche früher fertig ist, erhält Unterstützung beim Schulstoff. Hier finden die Frauen eine Plattform, um sich fachlich und persönlich entfalten zu können. «Aktuell sind so viele Stellen in der Gastronomie offen», sagt Stevanovic. «Und gleichzeitig wird gejammert, es sei schwierig, gute Mitarbeitende zu finden. Dabei haben wir tolle und starke Leute. Sie bekommen nur oft keine Chance.»

geschnittenes Gemüse
Kochutensilien

Für Afsaneh aber zeichnet sich eine besondere Chance ab. Aufgrund ihrer herausragenden Zeugnisse der letzten Semester erhält sie im Frühling 2026 die Möglichkeit, ein zweiwöchiges Praktikum im Restaurant Verve by Sven im Grand Resort Bad Ragaz zu absolvieren – das heisst: 1 Michelin-Stern, 15 Gault-Millau-Punkte und 92 Falstaff-Punkte. Sie freue sich sehr auf diese Erfahrung. Und im Restaurant Paprika freue man sich mit ihr. Seit das Team vom Praktikum weiss, hat es ihr einen Spitznamen gegeben. Afsaneh lächelt verlegen. «Ich heisse jetzt Michelle.»

Afsaneh in der Küche
«Ich heisse jetzt Michelle.»

Zum AOZ-Geschäftsbericht 2025 inkl. Reportage: