17 Lektionen pro Woche verbringen die schulungewohnten Geflüchteten damit, Grundkompetenzen in Mathematik, Deutsch und anderen Fächern zu erwerben. Das ermüdet. So sind die 12 Lektionen mit ausserschulischen Aktivitäten im Rahmen eines soziokulturellen Angebots hochwillkommen. Alle sind Teilnehmende des TAST-Integral-Angebots der AOZ, einer einjährigen Ganztagesstruktur für Jugendliche und junge Erwachsene mit Alphabetisierungsbedarf.
Das Zirkusquartier, das die Gruppe aufsucht, ist eine Spiel-, Trainings- und Lernstätte für zeitgenössischen Zirkus, das Zuhause des Zirkus Chnopf und immer mal wieder kurzzeitig auch jenes für die Teilnehmenden des Kurses. Hier können die Jugendlichen ihre körperlichen und akrobatischen Fähigkeiten kennenlernen.
Der Workshop im Zirkusquartier startet mit Dehn- und Mobilisationsübungen, sowie mit einem Aufwärmen, womit sich manche etwas schwertun. Andere fühlen sich unterfordert und wollen gleich richtige Akrobatikübungen probieren.


Dazu werden Matten ausgerollt, es folgen Sprünge, Rollen und verschiedene akrobatische Figuren – stets unter der Anleitung der Profis des Zirkusquartiers. Die Stimmung ist unbeschwert, es gibt viel Raum für jugendlichen Übermut.


Bald folgt die Königsdisziplin: Die Luftakrobatik. Nun hängen Tücher von der Decke. Daran halten sich die Jugendlichen fest und schwingen oder drehen sich in einigen Metern Höhe.


Nicht alle haben eine akrobatische Ader. Manche machen lieber eine Pause oder verbringen die Zeit mit Seilspringen, andere jonglieren mit Tüchern, Bällen und Keulen.



«Es geht um Teilhabe und Partizipation»
Der Besuch klingt nach einem lockeren Freizeitprogramm ohne Verpflichtungen und Absichten. Das stimme so aber nicht, sagt Cyril Hassler, Fachmitarbeiter Soziokultur bei der AOZ und verantwortlich für die Planung des soziokulturellen Angebots in diesem Kurs: «Es geht um viel mehr: Um Teilhabe und Partizipation. Die Teilnehmenden haben Mitspracherecht und können den Unterreicht aktiv mitgestalten.» Lernen habe viele Facetten, erklärt Hassler. Fortschritte entstünden auch ausserhalb des Klassenzimmers: «Durch Quartierprojekte etwa erhalten die Teilnehmenden eine Stimme und Orientierung. Es gelten andere Rahmenbedingungen, Teilnehmende lernen, selbständiger zu werden, sich zu äussern aber auch Grenzen zu setzen.»

Die grössten Erfolgserlebnisse beobachtet Hassler in der Kurs-internen Werkstatt. Dort werde sichtbar, wie die jungen Männer und Frauen Theorie und Praxis verknüpften, wie sie von Mal zu Mal strukturierter würden und schliesslich nach einem konkreten Plan vorgingen. Natürlich komme es auch zu Konfliktsituationen mit und zwischen den Teilnehmenden in der Ganztagesstruktur. Schliesslich handle es sich um Jugendliche, die einen testen wollten. Aber auch diese Reibungen seien produktiv und brächten die Jugendlichen in ihrer persönlichen Entwicklung weiter.
«Hier denkt man nicht so viel»
Einer der 13 Zirkusbesuchenden ist Mohammed Ahmad. Der 22-jährige Syrer lebt seit eineinhalb Jahren in der Schweiz, seit einem Jahr besucht er die Ganztagesstruktur. «Den Vormittag verbringen wir meist im Klassenzimmer und lernen Deutsch oder Mathematik», erzählt er. «Am Nachmittag sind wir oft draussen: Beim Sport, gärtnern, beim Spazieren oder auch mal in den Bergen. Wir kochen aber auch gemeinsam, schauen Filme oder lernen, wie wir mit spezifischen Situationen umgehen.» Am liebsten spiele er Fussball.

Aber auch die Zeit im Zirkusquartier weiss er zu schätzen: «Ich bin jetzt schon zum sechsten oder siebten Mal hier und mittlerweile kann ich jonglieren und auch Kunststücke am Tuch beherrsche ich.» Er sei gerne hier, sagt Mohammed: «Immer nur lernen im Schulzimmer geht nicht, dann ist die Lust und die Konzentration schnell weg. Das Zirkusquartier ist eine gute Abwechslung. Hier denkt man nicht so viel, man spielt einfach. Zuhause habe ich immer zu viel Zeit zum Denken.» Für seine Zukunft hat Mohammed Ahmad zwei unterschiedliche Visionen: Entweder möchte er Coiffeur werden oder Lokführer. «Ich möchte die Schweiz entdecken und verschiedene Sprachen sprechen.»
«Es hilft meinem Kopf»
Der Frauenanteil im Zirkusquartier ist klein – nur gerade zwei Teilnehmerinnen sind anwesend. Eine davon ist die 19-jährige Khadro Abdullahi Hussein aus Somalia. Uno sei ihr Lieblingsspiel, sagt sie. Am allerliebsten treibe sie aber Sport, vor allem Fussball. Im Zirkusquartier habe sie gelernt, Pyramiden zu machen. Was Khadro ebenfalls mag, sind kleine Reisen. So hätten sie mit dem TAST-Integral-Kurs auch schon andere Kantone besucht und sich Städte angeschaut. Besonders in Erinnerung bleibt der Somalierin der Besuch des Rheinfalls in Schaffhausen. «Solche Ausflüge helfen meinem Kopf. Irgendwann kann ich nicht mehr lernen», sagt Khadro Abdullahi Hussein. Ihr Plan für die Zukunft: Eine Ausbildung im Altersheim.

Zurück in die Realität
Alle Jugendlichen haben Träume beruflicher und privater Natur. Vorerst geht es aber nach kurzer Auszeit im Zirkusquartier zurück in die Schulungsräume nach Zürich Wiedikon: Hier erwarten sie Alphabetisierung, Deutsch, Mathematik, Informations- und Kommunikationstechnologien.