Teilnehmende

«Ich bin die Chefin», sagt Ajane und faltet eine Sambusa

Ein Gastrokurs von Cuisine sans frontières bietet den Geflüchteten in der städtischen Kollektivunterkunft Triemli soziale Kontakte, ein Stück Heimat und Momente der Autonomie. Deutsch lernen sie nebenbei.

«Enjera!» Dieses Wort kennen am neunten Tag des Gastrokurses von Cuisine sans frontière alle. Sie treffen sich seit dem März jeden Montagabend in der Hauswirtschafts-Küche des Schulhauses Döltschi, um zusammen zu kochen und zu essen: Geflüchtete aus der städtischen Kollektivunterkunft Triemli und freiwillige Helfer*innen, darunter jeweils auch Profiköch*innen. 

Beim ersten Mal waren alle etwas schüchtern. Enjera lockte sie ein erstes Mal aus der Reserve. Die Idee des Gastrokurses ist es, mit Geflüchteten die typischen Gerichte ihrer Heimat zu kochen. Nach einer Vorstellungsrunde konnte jede*r ein Rezept aufschreiben, das gemeinsam gekocht werden soll. So ist dieser Kochkurs eine kulinarische Reise durch Kongo, Äthiopien, Somalia, Kurdistan, Sri Lanka und El Salvador. 

Shishay schrieb als Rezept «Enjera» auf ein oranges Post-it.

Worüber spricht man an einem Kochevent mit Leuten, die man nicht kennt? Natürlich über Rezepte und Lieblingsgerichte. Enjera lieferte dafür reichlich Gesprächsstoff. 

Enjera sei aus einer Pflanze, die nur in Äthiopien wachse, sagt Shishay am ersten Tag des Kochkurses. «Wie sieht es aus?» «Wie schmeckt es?», wird er gefragt. Er sucht nach Worten, um die Speise beschreiben und erzählt, als er nicht verstanden wird, wie die Hauptzutat angebaut wird und wie man die Speise zubereitet. «Ist es Brot?», fragt jemand und alle lachen. Das Eis ist gebrochen. 

Scherzen, flirten, lachen

Am neunten Durchführungstag ist die Schüchternheit verflogen. An diesem Montag im Juni wird von Anfang an gescherzt, geflirtet, und gelacht. Man kennt sich inzwischen gut und hat neue Freundschaften geschlossen.

Farhad hatte beim ersten Mal noch gesagt, er komme nur wegen des Zertifikats. Kochen könne er bereits. Jetzt findet er: «Schade, dass die zehn Kurstage bald vorbei sind! Ich würde mir nochmals zehn Kochabende wünschen.» Die Kursbestätigung ist ihm aber auch sehr wichtig. «Ich habe bald ein Vorstellungsgespräch für einen Job in der Gastronomie», freut er sich. Da komme ein Zertifikat wie gerufen.

Ajane stösst etwas später zur Gruppe. Als sie sieht, dass eine Gruppe das Rezept kocht, das sie aufgeschrieben hat, führt sie einen kleinen Freudentanz auf. «Hallo Chefin!» wird sie geneckt. Sofort strahlt sie: «ICH bin die Chefin!» Stolz zeigt sie den Männern, wie man Samosas faltet und füllt. Wobei: in Somalia heisse es Sambusa, korrigiert sie.

Wie Enjera schmeckt

Zu den Sambusas gibt es: Enjera. Es ist schon das zweite Mal. Zuerst hat die Gruppe versucht, den Teig selbst zu machen – doch man sei nicht ganz zufrieden gewesen, erzählen Teilnehmende. Diesmal hat die Kursleiterin bei einem äthiopischen Restaurant Enjera bestellt. 

Und so löst sich das Rätsel um diese Speise auf: Enjera hat die Form eines Fladenbrots, ist allerdings viel weicher, fast wie Gummi und hat viele kleine Löcher. Das hat damit zu tun, dass der Teig fermentiert wird. Wenn es kalt sei, reife er mehrere Tage lang, erklärt Shishay. Zum scharfen Ragout, das an diesem Montag ebenfalls gekocht wird, passt Enjera wunderbar.

Kochen bringt Menschen zusammen und schafft Identität

Als Koordinatorin für Schweizer Projekte bei der NGO Cuisine sans frontières hat Patricia Gerber bereits zahlreiche Kochanlässe für Klient*innen der AOZ organisiert – auch im Zürcher Bundesasylzentrum. Ein zehnteiliger Gastrokurs ist aber auch für die erfahrene Gastronomin eine Premiere. Bis jetzt seien die Rückmeldungen sehr positiv. «Mich beeindruckt immer wieder, wie das Kochen und der gemeinsame Austausch über das Essen die Menschen zusammenbringen», sagt sie. Das gelte für die Geflüchteten ebenso wie für die Freiwilligen. 

An diesem Montag im Juni engagieren sich zwei junge Frauen im Rahmen eines Freiwilligen-Programms ihrer Arbeitgeberin – einer grossen Versicherung. Ihr Fazit am Ende des Abends: Sie hätten nicht erwartet, eine so fröhliche Runde anzutreffen.

In der städtischen Kollektivunterkunft Triemli leben derzeit rund 500 Klient*innen, wie Jurate Kuodyte von der AOZ berichtet. Als Verantwortliche für Betreuung mit Fokus soziokulturelle Animation liegt ihr das selbstständige Kochen der Bewohner*innen besonders am Herzen. Da die Unterkunft in ehemaligen Personalhochhäusern eingerichtet wurde, fehlen dort eigene Küchen; das Essen wird mittags und abends angeliefert.

«Essen ist weit mehr als reine Nahrungsaufnahme», betont Jurate. «Es ist Ausdruck von Identität, Kultur und Tradition. Selbst zu kochen bedeutet, vertraute Gerichte aus der Heimat zuzubereiten und dadurch ein Stück Normalität zu bewahren.» Dies schenke in einer herausfordernden Lebenssituation Stabilität und emotionale Entlastung. Zudem fördere das gemeinsame Kochen die interkulturellen Kontakte und unterstütze die Integration.

Ein kleiner Schritt in Richtung Arbeitsmarkt

Der Gastrokurs vermittelt zudem Grundprinzipien einer Branche, die für viele Geflüchtete den Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt bedeutet. «Ich habe hier nicht nur neue Gerichte kennengelernt, sondern auch die Bezeichnungen für Lebensmittel und alle Küchenutensilien auf Deutsch gelernt», erzählt eine junge Afghanin. Die tolle Stimmung helfe ihr enorm dabei, ihre Sprachkenntnisse im Alltag zu vertiefen.

Ein Kursteilnehmer flirtet schon perfekt auf Deutsch: «Wenn ich gewusst hätte, dass du kämst, wäre ich letztes Mal auch gekommen!», sagt er zu einer jungen Frau. Beim Essen später wird sein Kollege in norddeutschem Tonfall rufen: «Schmeckt lecker! Lecker!»

Beim Essen kommt dann auch zur Sprache, was auf die Geflüchteten in der Schweiz oder in der Kollektivunterkunft seltsam wirkt: «Es gibt immer Spinat, Spinat, Spinat!» «…oder Reis mit gekochten Eiern! Wer isst sowas?» Da widersprechen auch die Schweizer*innen am Tisch nicht: Die Sambusas und der Rindfleischeintopf mit Enjera schmecken besser.

«Enjera!» ruft jemand nach dem Aufräumen laut, als die ersten sich schon auf den Heimweg gemacht haben. Es hat noch übrig von den äthiopischen Teigfladen. Shishay schüttelt den Kopf. «Ohne Sauce esse ich das auch nicht.»

 

Teilnehmer kleben ihre Rezepte auf eine Weltkarte
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