«Ich finde es erstaunlich, wie widerstandsfähig viele sind»

Angela Wagner, Psychologin und Psychotherapeutin bei der AOZ

Porträtaufnahme Person vor grauem Hintergrund

«Die meisten kommen wegen Schlafstörungen zu mir. Dahinter stecken oft Traumata, depressive Störungen oder Angststörungen. Sie haben viel Schlimmes erlebt: sexuelle und andere Gewalt oder gar Folter, im Herkunftsland und auf der Flucht. Auch Gewalt an Familienmitgliedern. Kein Mensch käme da unbeschadet heraus. Ich denke oft, dass sie überhaupt hier vor mir sitzen, grenzt an ein Wunder!

Ich finde es erstaunlich, wie widerstandsfähig viele sind. Sie haben Lebensgeschichten, die eher in die Biografie eines 50-jährigen passen, auch wenn sie erst 15 Jahre alt sind. Viele sagen dann auch, sie fühlten sich innerlich deutlich älter.

Was ich mache, ist: einen Raum und eine Beziehung schaffen, in dem sie die eigene Geschichte erzählen können. Ich bin da, höre zu und halte das mit aus. Wir suchen gemeinsam neue Wege. 

Viele haben keine Vorstellung, was es heisst, zu einer Psychologin zu gehen. Ich muss zuerst erklären, wozu die Gespräche gut sein könnten. Wenn sie sich einlassen können, sagen sie oft: «Das tut mir gut, ich möchte weiterhin kommen.»

Manche sprechen nie oder erst später über ihre schlimmen Erlebnisse und zuerst nur über ihren belastenden Alltag. Das ist in Ordnung – eine Art sich zu schützen. Man muss aber auch sagen, dass ein Grossteil der Jugendlichen gar nicht erst zu uns in die Therapie kommt. Sie kommen irgendwie selber zurecht oder beginnen zu einem späteren Zeitpunkt, sich mit ihren Erlebnissen auseinanderzusetzen.

Manche treffe ich später wieder, wenn sie nicht mehr in der Wohngruppe leben, und sie sagen rückblickend: «Das war gut, mit jemandem reden zu können!» Bei anderen bessern sich Beschwerden wie psychosomatische Schmerzen oder sie schlafen besser. So merke ich, dass meine Arbeit sinn- und wirkungsvoll ist. Man merkt den therapeutischen Erfolg auch, wenn sie wieder beginnen, sich dem Leben zuzuwenden, Kontakte zu knüpfen und aktiver zu werden.

Mich beschäftigen die hohen Erwartungen, welche die Jugendlichen hier in der Schweiz erfüllen müssen: Quasi von Anfang an jeden Tag zur Schule gehen, auf Deutsch den Schulstoff aufnehmen, sich integrieren, das Erlebte verarbeiten. 

Gleichzeitig sind sie ja auch Teenager, die alle Herausforderungen des Erwachsenwerdens haben – ohne familiäres Netz, das sie unterstützt.»